Über den Trauerfall (4)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Walter Jens, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Beredtes Engagement - Zum Tode des streitbaren Intellektuellen Walter Jens
11.06.2013 um 09:45 Uhr von WESER-KURIER(WESER-KURIER vom 11.6.2013)
VON HENDRIK WERNER
Bremen·Tübingen. Wenn ein engagierter und feinsinniger Mann verstummt, der zuvor im deutschen Geistesleben jahrzehntelang als „Redner der Republik“ galt, ist das nicht nur bedauerlich, sondern tragisch. Dies umso mehr, als Walter Jens, der jetzt im Alter von 90 Jahren gestorben ist, bereits Jahre vor seinem Tod schleichend seiner geschliffenen Sprache und seiner klugen Gedanken verlustig ging. Seine im Jahr 2006 öffentlich gemachte Demenz-Krankheit führte dazu, dass der Rhetorikprofessor und streitbare Intellektuelle zuletzt weder reden noch schreiben konnte.
Zuvor indes hatte der in Hamburg geborene Bankierssohn, der eigentlich Strafverteidiger oder Prediger werden wollte, exzessiv viel gesprochen und geschrieben: Ab 1947 entstanden Romane, Dramen, Hörspiele, Essays – und vor allem geisteswissenschaftliche Aufsätze. 1950 ging Walter Jens als Lehrbeauftragter an die Universität Tübingen, wo er den bislang bundesweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik aufbaute. Im Jahr 1950, als ihm mit dem Roman „Nein. Die Welt der Angeklagten“ der literarische Durchbruch gelang, nahm ihn die Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“ in ihre illustren Reihen auf. Später übersetzte Jens die Evangelien des Neuen Testaments, lieferte eine zeitgemäße Nacherzählung der Odyssee, untersuchte den seiner Meinung nach vom Christentum unfair bewerteten „Fall Judas“ – und schuf mit „Statt eine Literaturgeschichte“ (1957) ein philologisches Standardwerk, das etliche Neuauflagen erlebte.
Jens, der sich als Moralist und Aufklärer, als Christ und Pazifist verstand, mischte sich gern und oft ein: In den 80er-Jahren wurden er und seine Frau Inge Galionsfiguren der Friedensbewegung. Das Paar hatte sich an Sitzblockaden vor dem US-Atomwaffendepot Mutlangen beteiligt. Als Walter Jens 1990 während des Golfkriegs zwei desertierte US-Soldaten in seinem Haus versteckte, wurde er wegen Beihilfe zur Fahnenflucht angeklagt. Doch derlei focht ihn nicht an. „J’accuse“ (Ich klage an), die Parole seiner in zahlreiche gesellschaftspolitische Interventionen gemündeten Zivilcourage, hatte er sich bei Emile Zola geliehen. Mut brauchte und zeigte er auch, als ihn die Berliner Akademie der Künste im Mai 1989 zum Präsidenten wählte: Trotz massiver Proteste führte Jens das Haus nach der Wiedervereinigung mit der Akademie der Künste der DDR zusammen.
Weniger Mut und Moral brachte Walter Jens freilich auf, als im Jahr 2003 seine Mitgliedschaft in der NSDAP öffentlich wurde. Erst dementierte er, dann redete er sich auf den Zeitgeist hinaus; erst verspätet fand – wie bei Günter Grass – eine Reflexion statt, die diesen Namen verdient. Auch in diesem Fall stieß der begnadete Redner Walter Jens an die Grenzen der Rhetorik.
Ein streitbarer Geist - Walter Jens ist tot
10.06.2013 um 15:14 Uhr von WESER-KURIER(www.weser-kurier.de vom 10.6.2013)
Tübingen (dpa) - Der Publizist und Philologe Walter Jens ist tot. Er sei am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren gestorben, sagte sein Sohn Tilman Jens am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Jens war seit längerem demenzkrank, konnte schon seit Jahren nicht mehr reden und nicht mehr schreiben.
Der emeritierte Tübinger Rhetorikprofessor und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste war in Wort und Schrift als kämpferischer Wächter der Demokratie hervorgetreten und hatte wie kaum ein anderer die tolerante Streitkultur in der Bundesrepublik geprägt. Viele sahen in Jens (wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zum 85. Geburtstag) eine «moralische Instanz» und einen engagierten Demokraten. Die Berliner Akademie der Künste ehrte ihn als einen Autor, Rhetoriker und Kulturpolitiker, der Geschichte geschrieben habe.
Intellektuelle müssten sich einmischen und warnen, lautete sein Credo. Der gläubige Christ galt als die Verkörperung des klassischen «homme de lettre» und war gleichzeitig ein engagierter Radikaldemokrat in Gestalt des ungemein belesenen «gelehrten Dichters».
Er demonstrierte gegen die Nachrüstung in der Bundesrepublik ebenso wie gegen den Irak-Krieg und meldete sich auch zur Rechtschreibreform und zur deutschen Einheit zu Wort. «Juden und Christen in Deutschland» und «Feldzüge eines Republikaners» heißen Werke von Jens und könnten für sein Leben stehen, das er in den Dienst der Aufklärung stellte. Ein Schatten fiel auf seine Vita, als 2003 seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde, an die er sich nach eigener Aussage nicht mehr erinnern konnte.
Von 1963 bis 1988 hatte Jens den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard-Karls-Universität-Tübingen inne. Von 1976 bis 1982 war er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik und von 1989 bis 1997 Präsident der Berliner Akademie der Künste, deren Ehrenpräsident er wurde.
Seit 1947 schrieb Jens Romane, Essays, Dramen und Hörspiele und gehörte der legendären Schriftsteller-«Gruppe 47» an. Er erzählte die Odyssee nach, übersetzte den Römerbrief des Neuen Testaments, widmete sich dem «Fall Judas» und schrieb zuletzt zusammen mit seiner Frau Inge Jens, die auch die Tagebücher von Thomas Mann edierte, die Bücher «Frau Thomas Mann» und «Katias Mutter», die Bestseller wurden. Der leidenschaftliche Fußballfan war zeitweise auch als Fernsehkritiker «Momos» in der «Zeit» tätig.