Über den Trauerfall (3)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Harry Rowohlt, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Melancholisch, mitfühlend, mitreißend
17.06.2015 um 09:24 Uhr von WESER-KURIER
So war er, der Harry Rowohlt. So liebten ihn seine Verehrer: schlagfertig, witzig. Wer ihn näher kannte – ich gehöre nicht zu ihnen –, erzählt von Harry Rowohlts Fähigkeit zu einer melancholischen Empathie mit diesem immer wieder scheiternden Menschengeschlecht. Es war eine Empathie, die die Augen nicht verschloss vor den Gemeinheiten und Bosheiten, zu denen die Spezies Homo sapiens fähig ist.
Spätestens seit seinen Auftritten als obdachloser Penner in der „Lindenstraße“ war Harry Rowohlt in Deutschland weltberühmt. Wer eine seiner Lesungen besuchen wollte, der tat gut daran, sich die Karten rechtzeitig zu besorgen. Sie waren meist ausgebucht. Harry Rowohlt war kein Schauspieler. Er war Leser, Vorleser, Performer. Man höre seine CDs, betrachte die DVDs oder verabschiede sich jetzt für eine Weile aus diesem Nachruf, schalte um auf Youtube und höre sich zum Beispiel an, wie Harry Rowohlt das Hessische Mundart-Dramolett „Der Baum nadelt“ von Robert Gernhardt, Peter Knorr und Bernd Eilert ins Hamburgische übersetzte. Und wie er das liest.
Mit viel Spieltrieb
Haben Sie es gehört? Wie finden Sie es? Sie haben so etwas noch nicht gehört? Sie suchen verzweifelt nach Superlativen, die dem, der in diesem Nachruf hängengeblieben ist, deutlich machen können, wie großartig, mit wie viel Spieltrieb, mit welcher Kunstfertigkeit Harry Rowohlt aus seiner einen Kehle ein halbes Dutzend klar von einander unterschiedener, aber nie künstlich wirkender Stimmen herausholt. Man hört zu und schämt sich dafür, dass man sein eigenes Organ so hat schrumpfen lassen. Die an dieser Stelle sich anbietende sexuelle Anspielung ist beabsichtigt.
Harry Rowohlt zeigte dem, der Augen dafür hatte, was ein Mensch alles aus sich herausholen kann. Sein Vater Ernst Rowohlt und sein älterer Halbbruder Ledig-Rowohlt übersetzten beide immer wieder gerne. Harry Rowohlt wurde einer der wichtigsten deutschen Übersetzer. An die 120 Bücher hat er aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Wenn ich mich nicht irre, ist nur ein einziges Buch einer Frau dabei. Susan Sontags frühe Erzählung „Ich etc.“ Harry Rowohlt hat sie 1979 übersetzt. Sein Herz hing deutlich an einer anderen Art Literatur. An den Werken trinkfester Autoren, deren Bücher von trinkfesten und immer weniger trinkfest werdenden Helden handeln. Robert Crumb zum Beispiel. Es sind Iren dabei wie der Autor sozialkritischer Kriminalromane Ken Bruen oder natürlich Flann O’Brien, bei dem der deutsche Leser erst durch Harry Rowohlts Übersetzungen kapierte, um was für einen kapitalen Autor es sich dabei handelte.
Harry Rowohlt übersetzte jede Menge Kinderbücher. Sie schienen manchen respektlos. In Wahrheit waren sie voller Respekt für die kindliche Intelligenz, für die Feinhörigkeit, die gerade Kinder für Zwischentöne und das Spiel mit ihnen aufbringen. Ein wenig wird man die Jüngeren beneiden dürfen, die mit den Übersetzungen von Harry Rowohlts Übersetzung der „Mister Gum“-Reihe des britischen Stand-Up-Comedians und Autors Andy Stanton aufwuchsen. Im Jahre 2000 erhielt Harry Rowohlt eine Goldene Schallplatte. Von seiner CD „Pu der Bär“ waren mehr als 250.000 Exemplare verkauft worden.
Übersetzer und Schmuggler
Man spricht gerne davon, dass Übersetzungen das Deutsche bereichern, dass sie Töne und Klangfarben, Schreib- und Vortragstechniken importieren, die unserer Muttersprache ohne die Arbeit der Übersetzer nicht zur Verfügung stünden. Harry Rowohlts Lebensarbeit war auf solche Erweiterungen des Stimmenrepertoires der deutschen Literatur ausgerichtet. Er tat das vor allem als Übersetzer, als Schmuggler.
Harry Rowohlt war aber auch Autor. Ein berühmter, viel gelesener, viel diskutierter Autor. Es gibt keine Romane, keine Erzählungen von ihm. . . Was weiß ich? Vielleicht gibt es jede Menge von Romananfängen, von Erzählungen in seinem Nachlass. Aber veröffentlicht hat er keine. Harry Rowohlt ist der Autor von „Pooh’s Corner – Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand“, einer Kolumne, die er in immer unregelmäßiger werdenden Abständen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte. Die letzte erschien im März 2013. Man kann sie auf Zeit-Online lesen. Es sind kleine Erinnerungen, Beobachtungen, Anmerkungen, Zwischenrufe. Mal mit dem tiefen Bass, der in den Nachrufen sicher viel strapazierten Bärenstimme Harry Rowohlts, dann aber auch in all den anderen Lagen, bis hoch in einen lispelnden Sopran, zu denen nicht nur der Vorleser, der, altmodisch gesagt, Rezitator, sondern auch der Autor Harry Rowohlt fähig war. Die jüngste Sammlung von „Pooh’s Corner“ ist im Jahre 2009 im Verlag Kein & Aber erschien.
Harry Rowohlt war Hanseat. Er wurde in Hamburg geboren und er starb in Hamburg. Spätestens durch den Verkauf seiner 49 Prozent des Rowohlt-Verlages an die Holtzbrinck-Gruppe wurde er 1982 Millionär. Aber Harry Rowohlt war der Gegenentwurf zum Klischee des die Elbchaussee bevölkernden Herrn im englischen Tweed. Ich weiß nicht, ob irgend jemand jemals in einem dunklen Anzug mit einem roten Einstecktuch gesehen hat oder gar in den Maskeraden, mit denen der Hanseat gerne auf den Besitz einer Yacht hinweist. Harry Rowohlt hatte sich dazu entschlossen, ein Gegenentwurf zum Hanseaten zu sein. Freilich mit dessen Präzision und Beharrungsvermögen. Danke auch dafür. „Gar nich für“, höre ich ihn sagen.
Traueranzeige
17.06.2015 um 09:18 Uhr von WESER-KURIERDer Mann mit der Bärenstimme: Harry Rowohlt ist tot
17.06.2015 um 09:18 Uhr von WESER-KURIER
Harry Rowohlt hatte viele Prädikate und auch sein Gesicht mit der widerspenstigen Mähne, dem langen Bart und der Nickelbrille kannte fast jeder, obwohl er sich nie ins Rampenlicht drängelte. Er starb am Montagabend nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Hamburg. Das bestätigte sein Agent Ertu Eren der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Rowohlt sei zu Hause gestorben.
«Ich wurde in der Hochallee 1 in Hamburg 13 geboren. Im Luftschutzkeller, als Zehn-Monats-Kind», erzählt Harry Rowohlt seinem Freund Ralf Sotschek im Buch «In Schlucken-zwei-Spechte». Eine Geburt in den letzten Kriegswochen, am 27. März 1945.
In den ersten zehn Jahren hieß er noch Harry Rupp. Seine Mutter, die Schauspielerin Maria Pierenkämper, war da in «dritter und vorletzter Ehe» mit dem Kunstmaler Max Rupp verheiratet. Sein Vater war dennoch Ernst Rowohlt, wie Harry immer betonte, da Rupp «zur fraglichen Zeit» bereits in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war.
Eine Karriere als «Verlagserbe» schlug Harry Rowohlt allerdings aus. Sein Vater sei fünf Mal pleitegegangen. Er sei froh, nicht in den Verlag eingetreten zu sein, «denn diese Tradition hätte ich als erstes wiederbelebt». Sein Bruder und er verkauften den Verlag Anfang der 1980er Jahre an die Holtzbrinck-Gruppe.
Harrys «erstes Buch» war «Pu der Bär». Seine Mutter las ihm daraus vor. Er habe sich dann entschlossen, lesen zu lernen, um es «unbehelligt von der mütterlichen Betonung» selbst zu lesen.
«Hier kommen wir Hand in Hand, Christopher Robin und ich, um Dir dieses Buch auf den Schoß zu legen.» Mit dieser Widmung beginnt die deutsche Übersetzung des Kinderbuch-Klassikers «Pu der Bär». Auf dem Buchdeckel steht nicht nur der Name des Autors A.A. Milne, sondern auch der des Übersetzers: Harry Rowohlt. Der Hamburger hat sich einen einzigartigen Ruf als Übersetzer erschrieben.
«Harry Rowohlt war der erste Übersetzer, der auf dem Cover eines Buches erschienen ist», sagte die Übersetzerin Ruth Keen. «Weil er so gut, so genial ist, hat er Freiheiten, die andere nicht haben.» An die 200 Bücher hat Harry Rowohlt seit 1969 übersetzt. In der Szene wurde immer wieder über die Freiheit gestritten, die sich der eigenwillige Rowohlt beim Übersetzen nahm. Für solche Bedenken hatte der nur Spott übrig.
«Harry Rowohlt ist eine singuläre Erscheinung, ein Solitär», sagte Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des Verbandes der Literaturübersetzer, zu dessen 70. Geburtstag. Für seine Übertragungen ins Deutsche bekam Rowohlt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 der Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk als Übersetzer.
Vor allem irische Autoren hatten es Harry Rowohlt angetan. Als Lieblingsautor nannte er oft Flann O'Brien. Nicht zuletzt dafür wurde ihm der Titel «Ambassador of Irish Whiskey» verliehen.
Wer Übersetzungen wie die von Frank McCourts «Die Asche meiner Mutter» oder O'Briens «Auf Schwimmen-zwei-Vögel» nicht kennt, weiß dennoch mit einiger Wahrscheinlichkeit, wie Harry Rowohlt aussieht. Er spielte 20 Jahre lang den Penner Harry in der «Lindenstraße», insgesamt in 193 Folgen. «Harry Rowohlt ist eine Lichtgestalt», sagte «Lindenstraßen»-Erfinder Hans W. Geißendörfer im März. «Er spielt den Penner und mit jedem seiner Auftritte veredelt und verzaubert er die 'Lindenstraße'.»
Harry Rowohlt schrieb viele Jahre seine Kolummne «Poohs Corner - Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand» in der «Zeit». Und seine brummige, bisweilen auch scharfe Stimme, ist auf zahlreichen Hörbüchern zu vernehmen. Legendär sind auch Harry Rowohlts Lesungen. Nicht selten dauerten sie fünf Stunden oder mehr, der Verbrauch betrug dann schon mal eine Flasche irischen Whiskeys oder zwei Flaschen Wein. «Schausaufen mit Betonung», nannte er das mal.
Irgendwann diagnostizierte der Arzt bei Harry Rowohlt Polyneuropathie, eine Nervenerkrankung. Alkohol war seither (fast) tabu. Auf der Straße von vielen Menschen erkannt zu werden, fand Harry Rowohlt lästig. Seit Jahren wohnte er mit seiner Frau im Hamburger Stadtteil Eppendorf. «Er hat nie das Schweinwerferlicht gesucht», sagte der Komiker und Eppendorfer Karl Dall, der Rowohlt erst vor einigen Wochen zu Hause besucht hatte.
«Der Harry hatte so seine Eigenheiten und Macken. Zu Hause hatte er noch so ein altes Bakelit-Telefon und alles voll mit Büchern.» Harry sei sich trotz seiner Erfolge immer selbst treu geblieben. Dazu passte auch seine Lieblingstugend: «Sagen was man denkt. Und vorher was gedacht haben.»