Der letzte Weg im Einklang mit der Natur
Moderne Friedhöfe werden zunehmend als grüne Lebensräume verstanden – sie sind Orte der Ruhe, des Erinnerns und des ökologischen Gleichgewichts. (Foto: Grüne Linie)
Bremen. Wenn ein Leben zu Ende geht, kehrt alles dorthin zurück, wo es begann: zur Erde. In dieser Rückkehr liegt etwas Tröstliches – ein leises Versprechen von Kreislauf und Fortbestehen. Immer mehr Menschen wünschen sich, diesen letzten Schritt im Einklang mit der Natur zu gehen – und diesen bewusst, achtsam und nachhaltig zu gestalten.
Denn das Thema Nachhaltigkeit zieht sich durch alle Bereiche des Lebens und hat längst auch in der Bestattungskultur Einzug gehalten. Nachhaltige Bestattungen sind daher weit mehr als ein kurzlebiger Trend: Sie sind Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit der Natur und des Bewusstseins, Teil von etwas Größerem zu sein. In ihnen schwingt der Gedanke mit, dass jeder Abschied zugleich ein Weitergehen bedeutet – in anderer Form, an anderem Ort, doch immer im Einklang mit der Erde, aus der das Leben einst entstand.
„Nachhaltigkeit bei Bestattungen bedeutet, den Abschied eines Menschen so zu gestalten, dass Würde, Erinnerung und Umweltverantwortung miteinander vereinbar sind“, meint auch Werner Kentrup. Er ist Bestattermeister sowie Mitinitiator und Mitgründer des Bestatternetzwerks „Grüne Linie“, das sich seit fast zehn Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Im Kern gehe es dabei um Wertschätzung und Respekt – sowohl gegenüber den Verstorbenen als auch gegenüber der Erde. Dazu gehört ein bewusster Umgang mit Ressourcen, etwa bei Materialien für Sarg oder Urne, bei Blumenschmuck, Grabgestaltung oder Transportwegen.
In den vergangenen Jahren ist das Interesse an ökologischen Fragen deutlich gestiegen – auch in der Bestattungskultur. „Angehörige fragen häufiger nach der Herkunft von Materialien, nach biologisch abbaubaren Urnen oder nach alternativen Grabformen“, beobachtet Kentrup. Zugleich verändert sich die Bestattungskultur insgesamt: Klassische Grabformen verlieren an Bedeutung, während pflegefreie und naturnahe Bestattungsarten – etwa in Bestattungswäldern – stärker nachgefragt werden. Nachhaltigkeit ist damit zunehmend Teil eines gesellschaftlichen Trends hin zu bewussterem Konsum und verantwortungsvolleren Entscheidungen.
Umweltbewusste Optionen
Grundsätzlich kann Nachhaltigkeit in jeder Bestattungsform berücksichtigt werden. Laut Werner Kentrup werden häufig naturnahe Varianten wie Baum- oder Waldbestattungen genannt, bei denen biologisch abbaubare Urnen zum Einsatz kommen. Auch Seebestattungen mit wasserlöslichen Urnen gehören dazu. Doch selbst klassische Erd- oder Urnenbe-stattungen auf Friedhöfen lassen sich nachhaltig gestalten – etwa durch natürliche Materialien und eine ökologische Grabgestaltung. In einigen Bundesländern werden zudem neue Bestattungsformen erprobt oder diskutiert.
Die Unterschiede liegen dabei weniger im Ritual selbst als in den verwendeten Materialien und Abläufen: „Nachhaltige Varianten achten beispielsweise auf Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, auf biologisch abbaubare Urnen und auf den möglichst sparsamen Einsatz von Kunststoffen oder chemischen Lacken“, erklärt der Bestattermeister. Auch die Verwendung regionaler und saisonaler Produkte spielt eine Rolle – etwa bei Blumen, Grabsteinen oder Särgen. Kurze Transportwege können den ökologischen Fußabdruck zusätzlich verringern.
So beschreibt Kentrup eine beispielhafte, umweltbewusst gestaltete Bestattung: „Die Trauerfeier findet auf einem nahegelegenen Friedhof statt, sodass lange Wege vermieden werden. Der Sarg besteht aus unbehandeltem Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, die Innenausstattung aus Naturmaterialien. Blumenschmuck stammt aus regionaler oder saisonaler Produktion.“ Auch bei der Grabgestaltung können heimische Pflanzen oder eine naturnahe Bepflanzung gewählt werden, statt häufiger wechselnder Zierpflanzen. Selbst Drucksachen oder die Bewirtung lassen sich laut Werner Kentrup regional und ressourcenschonend organisieren.
Ein schlichter Sarg aus unbehandeltem Holz und Blumen aus regionalem, saisonalem Anbau: So kann Achtsamkeit und Verantwortung bis zum letzten Weg aussehen. (Foto: Grüne Linie)
Auch die Frage, wie Friedhöfe als grüne Lebensräume in Städten verstanden und entsprechend entwickelt können, spielt eine Rolle. „Nachhaltigkeit meint in diesem Zusammenhang also nicht nur ökologische Aspekte, sondern auch regionale Wertschöpfung und eine Bestattungskultur, die langfristig verantwortungsvoll mit Natur und Landschaft umgeht“, so Kentrup.
Früher war das Leben häufig auf einen Ort begrenzt, doch heute leben Familienmitglieder oft über das ganze Land oder gar weltweit verstreut – der Trend geht daher zu pflegearmen oder pflegefreien Ruhestätten. Friedhöfe werden dementsprechend leerer, was ebenfalls ein Umdenken erfordert. Sie nehmen einen wichtigen Platz im öffentlichen Leben ein – als Orte des Gedenkens und der Ruhe für Angehörige, Anwohner und auch für viele Tiere, die dort tagsüber wie nachts Zuflucht finden – denn nachts ist es dort so dunkel wie kaum andernorts in der Stadt.
Der soziale Aspekt von Friedhöfen sei ebenfalls nicht zu unterschätzen, betont Kentrup. Aus ökologischer wie sozialer Sicht sei es daher wichtig, Friedhöfe als Parks und Orte der Begegnung zu gestalten. So könnten sich Grabstätten entlang der Hauptwege konzentrieren, während Randbereiche als ökologische Flächen genutzt werden. Besonders die Biodiversität profitiere von solchen Konzepten. Kentrup betrachtet diese Umgestaltung als große Chance für Städte und Gemeinden. Im Sommer sorgen Friedhöfe für ein angenehmeres Klima; Pflanzen blühen, Insekten finden Nahrung – ein Gewinn für Mensch und Natur gleichermaßen.
Ein Umdenken mit Zukunft
Der Wandel hin zu mehr Umweltbewusstsein ist kein punktuelles Ereignis, sondern das Ergebnis einer kontinuierlichen Entwicklung der vergangenen Jahre. „Besonders sichtbar wurde er, als Fragen nach nachhaltigen Materialien, regionalen Produkten oder neuen Bestattungsformen immer häufiger gestellt wurden – sowohl von Angehörigen als auch innerhalb der Branche“, erzählt Kentrup. Parallel dazu wurden neue Modelle und gesetzliche Ansätze diskutiert und erprobt, etwa die Einführung neuer Bestattungsformen oder Anpassungen in Landesgesetzen.
Eine der zentralen Grenzen für innovative und nachhaltige Bestattungskonzepte liegt im deutschen Bestattungsrecht, das in vielen Punkten sehr streng geregelt ist und sich von Bundesland zu Bundesland unterscheidet, erklärt Werner Kentrup: „Neue Bestattungsformen werden deshalb nur langsam eingeführt oder zunächst modellhaft erprobt.“ Auch Friedhofssatzungen oder regionale Strukturen können hierbei eine Rolle spielen. Wirtschaftlich sei nachhaltiges Handeln nicht zwingend teurer, doch bestimmte Materialien oder regionale Produkte könnten höhere Kosten verursachen.
Sensible Beratung erforderlich
Viele Angehörige reagieren interessiert, wenn ihnen nachhaltige Möglichkeiten aufgezeigt werden, berichtet Kentrup: „Oft besteht bereits ein allgemeines Umweltbewusstsein, das sich auch in der Bestattung widerspiegeln soll.“ Wichtig sei dabei eine sensible Beratung: Nachhaltigkeit dürfe nicht als moralischer Anspruch vermittelt werden, sondern als eine zusätzliche Möglichkeit, den Abschied individuell und stimmig zu gestalten, betont Kentrup. Keinesfalls dürfe die Beratung belehrend wirken oder Angehörigen gar ein schlechtes Gewissen machen, wenn sie sich nicht für ökologische Alternativen entscheiden.
Vieles spricht dafür, dass Nachhaltigkeit in der Bestattung ein langfristiges Umdenken markiert. Das gesellschaftliche Bewusstsein für Umweltfragen wächst kontinuierlich, während sich gleichzeitig die Bestattungskultur insgesamt hin zu individuelleren und naturnäheren Formen entwickelt. Nachhaltigkeit ist damit weniger ein kurzlebiger Trend als vielmehr Teil eines dauerhaften kulturellen Wandels.
Abschied mit Haltung
In Zukunft dürfte die Nachfrage nach umweltbewussten Lösungen weiter zunehmen. Gleichzeitig könnten neue gesetzliche Regelungen und technische Entwicklungen zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. „Wichtig wäre dabei mehr Transparenz über Materialien und Herkunft sowie klare ökologische Standards“, findet der Bestattermeister.
Ein Abschied kann auch Ausdruck jener Werte sein, die einen Menschen im Leben geprägt haben. Wer sich zu Lebzeiten für Umwelt, Gemeinschaft und Verantwortung engagiert hat, möchte diese Haltung häufig auch im letzten Schritt des Lebens widerspiegeln. Sich frühzeitig mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, kann Angehörigen später Orientierung geben – und Raum schaffen für eine bewusste, persönliche Form des Abschieds.
Von Antonia Lühmann